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Bahnsteighalle der Hofstation im Wildpark

Die Hofstation im Wildpark

Vorgeschichte

Als am 22. September 1838 nach gut einem Jahr Bauzeit die erste Eisenbahnstrecke Preußens – die Stammbahn – zwischen Potsdam und Zehlendorf eingeweiht, wenige Wochen später bis Berlin Potsdamer Platz und bis zum 7. August 1846 bis Magdeburg erweitert wurde, war ein Reisen mit dem neuen Verkehrsmittel Eisenbahn noch nicht die Regel. Dies änderte sich jedoch innerhalb weniger Jahre, sodass auch die amtierenden Herrscher inklusive des gesamten Hofstabs dieses Fortbewegungsmittel zunehmend nutzten. So waren an Bahnhöfen mit häufigem Adelsverkehr per Gesetz gesonderte Aufenthaltsräume vorzusehen, und 1883 entwickelte man für einmaligen Hofverkehr gar einen transportablen Pavillon. So ist es nicht verwunderlich, dass im einstigen Empfangsgebäude des Potsdamer Bahnhofs (heute Hauptbahnhof) aus dem Jahr 1848 – 1850 entsprechende Räumlichkeiten vorgesehen wurden.

Skizze der Kronprinzlichen Einsteigehalle in Station Wildpark. Aus: Atlas zur Zeitschrift für Bauwesen, 20. Jahrgang Berlin 1870, Blatt 49

Die ansonsten gerade verlaufende Bahnstrecke macht – wie von Peter Joseph Lenné beabsichtigt – direkt um das 1841/42 entstandene Jagdrevier Wildpark einen Bogen und grenzt außerdem an den südwestlichen Zipfel des Parks Sanssouci an. Daher wurde bereits im Auftrag des Königs Friedrich Wilhelm IV. 1847 eine erste königliche Haltestelle errichtet. Durch den zweigleisigen Ausbau der Bahnstrecke wenige Jahre nach Fertigstellung der Strecke Berlin–Magdeburg entstand 1858 an leicht abweichender Stelle ein Holzgebäude mit Gastronomie und Wohnung für den Gärtner, der Lennés Anpflanzungen entlang der Bahntrasse zu pflegen hatte. Jedoch musste dieser Bau nur zehn Jahre später einer Verbreiterung der Gleisanlagen weichen. Im Auftrag des Kronprinzen Friedrich Wilhelm (später Kaiser Friedrich III.) wurde 1868/69 ein kleiner, reichhaltig verzierter Pavillon als „Kronprinzliche Bahnsteighalle in Station Wildpark“ gebaut. Parallel dazu wurde der öffentliche Bahnhof Wildpark errichtet, dessen Empfangsgebäude in Fachwerkbauweise noch heute existiert. Bemerkenswert ist, dass dieses Gebäude trotz gleicher Bauzeit mit dem Exzellenzzimmer dennoch einen eigenen Warte- und Empfangsraum höfischer Gäste beherbergte, da der kronprinzliche Pavillon derartige Räumlichkeiten nicht aufwies.

Unter anderem deshalb wurde dem Kronprinzen der Pavillon schnell zu klein, und so forderte er bereits 1882 einen Bahnhofsneubau im Stil des Neuen Palais, welches er als Residenz auserkoren hatte. Bis zu seinem Tod 1888 kam es trotz verschiedener Pläne zu keinem Baubeginn. Sein Sohn Wilhelm II. nutzte als Kaiser ebenfalls das Neue Palais als Residenz und musste im Rahmen seiner Regierungsgeschäfte regelmäßig zwischen Potsdam und Berlin pendeln, sodass ein Neubau für kaiserliche Zwecke weiterhin nicht vom Tisch war. Zunächst entstanden allerdings weitere Bauten in der Nähe des Pavillons. So wurde 1894 unmittelbar neben diesem ein zweistöckiger Wartepavillon in Fachwerkbauweise für das Gefolge errichtet.

Die heutige Hofstation

Konkrete Formen nahm der Neubau ab 1904 an. Die Verdichtung des Eisenbahnnetzes und weiterhin zunehmender Verkehr sorgte dafür, dass die Hochlegung der Strecke auf einen Bahndamm für die kreuzungsfreie Querung von Straßen inzwischen auch auf diesem Streckenabschnitt notwendig geworden war. Bei dieser Gelegenheit war auch die Errichtung eines neuen, kaiserliches Empfangsgebäude vorgesehen, während das des Bürgerbahnhofs beibehalten werden sollte. Wilhelm II. entschied im Februar 1904, dass der Architekt Ernst Eberhard von Ihne das neue Empfangsgebäude im englischen Cottage-Stil planen soll – wohingegen die Bahnsteighalle von der Königlichen Eisenbahndirektion zu gestalten war. Von Ihne entwarf so bis 1905 zunächst nur das Empfangsgebäude, mit dessen Bau im Frühjahr 1906 begonnen wurde. Er konnte im Hinblick eines harmonischeren Erscheinungsbildes die Königliche Eisenbahndirektion (und diese wiederum auch den Kaiser) 1906 davon überzeugen, ihn auch für die Bahnsteighalle einzubinden. Ende 1909 wurde der gesamte Komplex fertiggestellt und noch im November als Hofstaion im Wildpark in Betrieb genommen. Die nun überflüsigen, alten Gebäude wurden abgetragen.

Die Zufahrt zur Hofstation

Das nicht unterkellerte Empfangsgebäude besteht in erster Linie aus drei Räumen: dem etwa 80 m² großen Kaisersaal als Empfangs- und Aufenthaltsraum, dem Treppenhaus mit hölzerner Kaisertreppe als Aufgang zur Bahnsteighalle und dem etwa 105 m² großen Gefolgesaal. Als Nebenräume waren aus dem Kaiser- bzw. Gefolgesaal jeweils getrennte Toiletten zu erreichen, außerdem führt vom Gefolgesaal aus eine kleine Treppe sowohl auf den damals nicht weiter ausgebauten Dachboden als auch zur Bahnsteighalle.

Das Wappen oberhalb der Überfahrt

Die Bahnsteighalle selbst stützt sich unterhalb des Bahnsteigs auf ein Kellergewölbe ab, der Bereich unterhalb des Gleises ist von Pfeilern unterstützt, aber zugeschüttet. Zumindest der östliche Teil des Kellergewölbes war als Nebengelass vorgesehen, dem westlichen Teil hingegen war keine weitere Funktion zugedacht. Die etwa 90 m lange und 12 m breite Halle beherrbergt einen Bahnsteig mit einem Gleis. Außerhalb der Halle ist der Bahnsteig beidseitig noch etwas weitergeführt. Die Stirnseiten waren ursprünglich offen geplant, sind aber noch vor der Eröffnung zur Verringerung von Zugluft weitgehend verschlossen worden. Neben den beiden Türen zu den Treppen des Empfangsgebäude wurde am östlichen Ende der Halle noch eine Außentreppe für die Diener angebracht. Selbstverständlich sind alle drei Türen dem gesellschaftlichen Stand der Benutzer entsprechend unterschiedlich groß gestaltet. Für besondere Anlässe konnten auch die drei Bahnsteige des bürgerlichen Bahnhofs Wildpark genutzt werden – über einen Tunnel waren diese auch mit dem kaiserlichen Empfangsgebäude verbunden.

Der Lauf der geschichte wollte es so, dass der Kaiserbahnhof – wie die Hofstation Wildpark umgangssprachlich genannt wurde – nur wenige Jahre lang den eigentlichen Zweck erfüllte. Ein letztes Mal wurde er im April 1921 kaiserlich genutzt, als der Sarg der Kaiserin Auguste Viktoria aus dem Exil dort eintraf. Vom Bahnhof aus begann der von Zehntausenden Bürgern begleitete Trauermarsch zum Antikentempel, wo Auguste Viktoria gemäß ihres Wunsches beigesetzt wurde. Danach diente die Hofstation verschiedenen Zwecken. 1933 bis 1945 wurde sie von der Luftwaffe genutzt, im Anschluss daran bis 1952 von der sowjetischen Armee, welche die Station für die Urlaubszüge ihrer Offiziere nutzte. Auch Stalin nutzte das Gebäude für seine Fahrt zur Potsdamer Konferenz, ließ jedoch extra hierfür die gesamte Strecke auf russische Breitspur umnageln, um umsteigefrei bis Potsdam fahren zu können.

Nach dem Umzug der sowjetischen Kommandantur nach Wünsdorf 1952 gelangte das Gebäude zur Deutschen Reichsbahn, die es zunächst als Berufsschule, später nur noch als Lager nutzte. Das Empfangsgebäude wurde von der Reichsbahn auch für Betriebsfeiern im kleinen Rahmen genutzt. Die Nutzung des Bauwerks als bürgerliches Empfangsgebäude war in der DDR wegen seines kaiserlichen Ursprungs nicht erwünscht. Ebenso wurde die Unterhaltung des Gebäudes unterlassen, sodass erste Teile bereits 1967 gesperrt werden mussten. 1977 wurde der Bahnhof auf die Denkmalliste des Bezirks Potsdam gesetzt. Kurz darauf musste aber wegen Einsturzgefahr die gesamte Hofstation gesperrt werden. Unglücklicherweise forderte die Denkmalpflege zur Reparatur des undichten Dachs die nicht verfügbaren, originalgetreuen Schieferplatten, sodass ein provisorisches Flicken mit Dachpappe bzw. Preolitschindeln nicht erfolgen durfte. Es dürfte aber nicht gerechtfertigt sein, den Willen einer absichtlichen Schädigung der Bausubstanz eben durch die Aufnahme in die Denkmalliste zu vermuten.

Details der Bahnsteighalle

Es vergingen nun zweieinhalb Jahrzehnte, in denen man diverse Konzepte zur Nutzung des Gebäudes und auch deren Umsetzbarkeit prüfte. Von Museum über devisenbringende Spielhalle für Westdeutsche, Einbindung in ein Hotel- und Kongresszentrum, Nutzung als Universitätsbibliothek oder Einbindung in einen neu zu gestaltenden Wohn- und Gewerbepark gab es zahlreiche Ideen, die jedoch alle an den finanzieleln Mitteln oder den Erwerb der angrenzenden Grundstücke scheiterten. 1990 war im Auftrag der Reichsbahn eine Schutzhülle errichtet worden, um den weiteren Verfall vorübergehend aufhalten zu können. Zwischenzeitlich war das Gebäude im Besitz des Landes Brandenburg, um 1994 doch wieder zum nun Deutsche Bahn AG genannten Unternehmen zurückzugelangen. Durch diese erneute Zuständigkeitsänderung wurde die Schutzhülle nicht mehr vom Land gefördert und das Gebäude war wieder ungeschützt der Witterung ausgesetzt. Anfang 1999 wurde die inzwischen zur Ruine verkommene Hofstation in das seit 1990 bestehende UNESCO-Weltkulturerbe der Potsdam-Berliner Parklandschaft aufgenommen, was aber eine Sanierung mit nachhaltigem Nutzungskonzept auch nicht gerade erleichterte.

Während es von Bürgerseite aus einen Entwurf zum Ausbau der Hofstation zu einer Erlebnisgastronomie gab, entwickelte die Deutsche Bahn nun letztlich auch ein eigenes Nutzungskonzept des Gebäudes, indem sie es zu einem Aus- und Weiterbildungszentrum der eigenen Führungskräfte auszubauen gedachte. Am 16. September 2002 entschied sie sich zugunsten des eigenen Entwurfs. Daraufhin ging alles sehr schnell, und bereits im Juni 2005 konnte die DB Akademie GmbH den fertigen Geländekomplex übernehmen und den Seminarbetrieb aufnehmen. Für die Gestaltung des Umbaus wurde das Hamburger Architekturbüro Bechtloff‒Derfler‒Steffen beauftragt.

Offiziell werden keine Kosten für den Umbau komminiziert, allerdings veranschlagte man zu Baubeginn etwa 25 Millionen Euro. Dies erscheint zunächst viel, zumal das Gebäude ausschließlich zu Schulungszwecken der „Oberen 7000“ der Deutschen Bahn genutzt wird und daher auch der Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. Das war es zur Kaiserzeit allerdings auch nicht, schon damals war die Hofstation eingezähnt. Darüber hinaus wurde der Umbau zum Schulungszentrum durch die unterirdische Anordnung der Schulungsräume und dem intelligenten Hallennutzungskonzept so umgesetzt, dass der originale Charakter des Bahnhofs praktisch vollständig erhalten geblieben ist. Das Nutzungskonzept stellt außerdem den langfristigen Erhalt der Anlage sicher, sodass das Gebäude wohl auch in Zukunft nicht mehr das Sorgenkind sein wird, das es die meiste Zeit seiner Existenz war.

Leider nur zu sehr seltenen Anlässen haben auch normale Bürger die Möglichkeit, das Schulungszentrum im Rahmen von Führungen zu besichtigen – so zum einhundertjährigem Bestehen des Gebäudes und zum Deutschen UNESCO-Welterbetag 2012, zu dem Potsdam Gastgeber der zentralen Veranstaltung war. Letztgenannte Gelegenheit konnte wahrgenommen werden, daher können hier auch einige Innenaufnahmen gezeigt werden. Der Umbau weiß zu überzeugen, gerade auch im Hinblick auf den UNESCO-Welterbestatus. Das Geld wurde offensichtlich sinnvoll investiert, und es ist schade, dass die Deutsche Bahn sich bislang nicht zu einem alljährlichen Besichtigungstag durchringen konnte.

Der Bürgerbahnhof heute

Das noch einmal deutlich ältere Empfangsgebäude des Bürgerbahnhofs „Wildpark“ aus dem Jahre 1868 wurde beim Umbau der Hofstation leider nicht in das Nutzungskonzept integriert – die Deutsche Bahn beabsichtigte sogar den Abriss des ältesten noch existierenden Bahnhofsgebäudes Potsdams. Dabei ist Fachwerk bei Brandenburger Bahnhofsgebäuden unüblich und das daher auch dieses Empfangsgebäude eine Besonderheit. Die Stadt Potsdam konnte es schließlich 2006 erwerben, allerdings kam es noch nicht zu einer Sanierung. 2010 fand sich ein Gastronom, der bereits an mehreren Standorten in und um Potsdam vertreten ist und den Bürgerbahnhof zu einer gastronomischen Einrichtung umbaut. Durch den fortgeschrittenen Verfall des Gebäudes mussten Teile des Gebäudes abgerissen und nachgebaut bzw. ausgetauscht werden, sodass das Lokal erst mit erheblicher Verzögerung eröffnet werden kann. Die Kosten für die Sanierung betragen gut 2 Millionen Euro. Da der Umbau Ende Oktober 2013 noch nicht abgeschlossen ist, werden Bilder dieses Gebäudes zu einem späteren Zeitpunkt folgen.

Der Bürgerbahnhof Wildpark wurde übrigens erst zum Fahrplanwechsel 1994 in Potsdam-Wildpark umbenannt, obwohl das Gebiet stets zur Stadt Potsdam gehörte. Nur wenige Jahre später, 1999, bekam er seinen heutigen Namen Potsdam Park Sanssouci, um den Bahnhof für den Touristenverkehr besser zu vermarkten. Denn tatsächlich befindet sich der Bahnhof nicht nur in unmittelbarer Nähe zum (touristisch kaum erschlossenen) Wildpark, sondern auch direkt neben dem Park Sanssouci.

Bildübersicht

Tipp: Die Bilder und Grafiken ergeben in ihrer Gesamtheit einen Rundgang. Fangen Sie daher bei der ersten Grafik an und folgen dort dann dem weiteren Verlauf.

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